sept 182012
 

Source: Menschenrechtsexperte Bielefeldt im Lorenzer Kommentargottesdienst 

Menschenrechtsexperte Heiner Bielefeldt hat im Lorenzer Kommentargottesdienst herbe Kritik an dem « herrischen Überlegenheitsgestus » geäußert, mit dem Religionskritiker die Beschneidungen von jüdischen und muslimischen Kindern verurteilen. « Was da an Verachtung und abgrundtiefem Hass rüberkommt, ist in der Tat erschreckend. »   

Im Zuge des Urteils eines Kölner Landgerichts, das einen solchen religiös motivierten Eingriff für strafbar erklärt hatte, würden Beschneidungen nun als Angriff auf wehrlose Kinder, als Verstümmelung interpretiert. Der aggressive, ätzend-verächtliche Tonfall habe tiefe Verstörung bei jüdischen und muslimischen Eltern ausgelöst.

Philosophie-Professor Bielefeldt sagte, dass die Beschneidungskritiker zwar für sich in Anspruch nähmen, im Namen der Aufklärung zu argumentieren – doch sie agierten mit erhobenem Zeigefinger und „verstopften Ohren“. Aufklärung bedeute dagegen, gesprächsbereit zu sein, Vielfalt anzuerkennen und nicht, Andersdenkende in kulturkämpferischer Manier auszugrenzen.

Der Inhaber des Lehrstuhls für Menschenrechte an der Erlanger Universität sagte, dass Menschen ein Recht auf die freie Ausübung ihrer Religion hätten – und dass auch der Kinderrechtsausschuss der Vereinten Nationen für „das Recht des Kindes auf religiöse Sozialisation“ eintrete. Zu dieser Sozialisation gehöre auch das Ritual der Beschneidung.

Theologe Gauck duckt sich einfach weg

Bielefeldt kritisierte Bundespräsident Joachim Gauck, weil der sich bei dieser Debatte – obwohl Theologe – einfach wegducke; für geradezu fatal hält er die Einlassungen des Ethikrat-Mitglieds Reinhard Merkel. Der Strafrechtler und Rechtsphilosoph hatte argumentiert, dass die Deutschen aufgrund ihrer singulären Verpflichtung gegenüber dem Judentum mit der im Bundestag angekündigten Regelung, die die Beschneidung erlauben soll, ein religiöses Sonderrecht zuließen – obwohl doch diese Maßnahme qualvoll für die Kinder sei und einen Eingriff in die verfassungsrechtlich geschützte Integrität des Kindes darstelle.
Bielefeldt sieht in Merkels Argumentationsfigur eine große Gefahr, werde damit doch suggeriert, der deutsche Staat sei durch seine Verpflichtung den Juden gegenüber erpressbar. Dies könne antisemitischen Einstellungen Vorschub leisten. „Es geht nicht um Sonderrechte, sondern um ein Menschenrecht: Das Menschenrecht der Religionsfreiheit“, sagte Bielefeldt. Der Staat dürfe Bedingungen formulieren, wie eine solche Beschneidung vor sich zu gehen habe – aber er könne nicht die religiöse Praxis verbieten.
In der Aussprache nach den Beiträgen von Bielefeldt und Pfarrer Heiner Weniger (er hatte einen intensiveren theologischen Diskurs über das Thema angemahnt) ergriff auch Arno Hamburger das Wort. Der SPD-Stadtrat und Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde machte deutlich, wie sehr die jüdische Gemeinde unter der Debatte leidet: „Der Vorwurf, dass wir unsere Kinder quälen, trifft jüdische Väter und jüdische Mütter mitten ins Herz hinein.“

 Posted by at 11 h 11 min

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